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Ermutigung zu Erziehung

 

Resolution des VBE Bundeshauptvorstandes vom 29.11.2003

 

Ermutigung zu Erziehung:

„Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung" (Kant)

Eltern und Lehrer sind Partner

 

Kind zu sein heißt auch, ein Recht auf Erziehung zu haben. Selbstentwicklung und Selbstverwirklichung allein sind keine Ziele, da sie nur um den Ausgangspunkt kreisen. Freiheit in allen Lebensbereichen ist nicht aushaltbar.

Menschen brauchen Orientierung. In einer Gesellschaft mit konkurrierenden Werten und pluralistischem Anspruch brauchen Kinder zu Hause die Sicherheit einer Wertgrundlage. Erziehung ist eine Aufgabe, die sich auch an Normen wie Verantwortung, Respekt und gegenseitige Achtung orientiert. Eine Gesellschaft ohne Wertgrundlage verliert ihre moralische Legitimation.

I. WOHIN

 

Wir wollen Eltern ermutigen, auf ihren Erfahrungsvorsprung zu vertrauen und ihre Kinder zu erziehen. Die Schule muss aber auch erwarten können, dass Grundverhaltensweisen von zu Hause mitgebracht werden. Schule darf und kann nicht für die Eltern den primären Erziehungsauftrag leisten. Zugleich hat Schule den Auftrag zur kompensatorischen Erziehung. In der Gesellschaft muss aber der Blick dafür geschärft werden, Schulen nicht weiter sozial zu überfordern - wie dies heute bereits für Schulen in sozialen Brennpunktgebieten der Fall ist. Hier sind der Schule Grenzen gesetzt.

 

Schule kann besser werden, wenn Lehrer und Eltern aufeinander zugehen - im Respekt der Schwierigkeiten und Unsicherheiten, die sich für Eltern wie Schule aus der gesellschaftlichen Situation ergeben.

 

Erziehung erfordert Mut und Können, sie erfordert besondere Verantwortung für den anderen, Einfühlung und Vorausschau im Hinblick auf die mögliche Wirkung. Erziehung fußt zwar auf dem Erfahrungsvorsprung des Erziehenden, jedoch gab es noch nie so viele offene Fragen. Vor allem deshalb muss der Erziehende einstehen für das, was er tut.

Erziehung ist insofern auch widersprüchlich, als ihre eigentlichen Ziele in Mündigkeit und Selbstverantwortung liegen, die durch äußere Einwirkungen nur bedingt erreichbar sind. Erziehung muss sich im Laufe ihres Prozesses von der Kindheit über die Jugend bis zum Erwachsensein letztlich überflüssig machen.

 

Erziehung kann auch Machtausübung sein. Erziehung kann auch ihr Ziel verfehlen.

 

 

II. WOHER

 

Wenn wir uns heute wieder zur Erziehung bekennen, so müssen wir uns über die veränderte Situation in der Gesellschaft und damit auch über das neue Verhältnis von Familie und Schule im Klaren sein.

 

Kindheit ist außerordentlich vielschichtig geworden. Die Kindheitsphase wurde immer kürzer. Viele Kinder und Jugendliche sind von einer neuen Unübersichtlichkeit überfordert. Folge ist eine große Individualisierung. Es gibt Eltern, die ihren Kindern von Beginn an kein anregungsreiches Umfeld bieten; zunehmend sind Kinder betroffen von gesundheitlichen Beeinträchtigungen, Fehlernährung und Verarmung. Armut und Reichtum stehen oft unvermittelt nebeneinander. Lehrerinnen und Lehrer stellen im Unterricht fest, dass grundlegende kulturelle Praktiken und Verhaltensweisen selbst von älteren Kindern und Jugendlichen nicht beherrscht werden. Häufig gilt das Motto ‚Erlaubt ist, was gefällt’. Regeln sind oft nicht mehr durchsetzbar.

 

Die Gründe für die neue Situation sind vielfältig:

- Der Geburtenrückgang seit Ende der 60er Jahre hat Folgen für die Kinder und Jugendlichen gehabt. Im Jahr 1969 lebten 40 Prozent aller Kinder in Haushalten mit drei oder mehr Kindern. 1985 lebten nur noch 25 Prozent aller Kinder in solchen Familien. Der Trend zur kleineren Familie hat dazu geführt, dass 34 Prozent aller Kinder als Einzelkinder aufwachsen. Das bietet Chancen wie Risiken gleichermaßen.

- Neue Familienstrukturen bringen Veränderungen für Kindheit und Erziehung, wobei neue Lebensmöglichkeiten entstehen, Kinder aber auch zu Leidtragenden einer stärkeren Bedürfnisorientierung ihrer Eltern werden. 1975 lebten 7,5 Prozent aller Kinder in einem Haushalt mit einem Alleinerziehenden, heute sind es 17 Prozent. Das sind etwa zwei Millionen Kinder in Deutschland.

- Frauen bekommen ihre Kinder immer später, 34,5 Prozent zwischen dem 30. und 35. Lebensjahr. 60 Prozent aller Frauen sind heute berufstätig; 1972 waren es in den alten Bundesländern 40 Prozent.

- Die Situation des Arbeitsmarktes zwingt immer mehr Familien zu Mobilität und auch zu räumlicher Trennung der Erziehenden und ihrer Kinder.

- Die Konsumgüterindustrie hat Kinder und Jugendliche längst als finanziell potente Konsumenten erkannt. Vermittelt durch die Medien werden Kinder und Jugendliche mit Werbung überschwemmt.

- Die von Eltern oft missgedeutete Sorge um das berufliche Fortkommen ihrer Kinder zieht bereits in der Grundschule einen beispiellosen Leistungsdruck nach sich. Vor 30 Jahren kamen acht Prozent eines Schülerjahrgangs zum Abitur, heute sind es 35 Prozent. Nach einer Umfrage des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung erhoffen sich 53 Prozent aller Eltern für ihr Kind das Abitur, 37 Prozent den Realschulabschluss, nur zehn Prozent den Hauptschulabschluss.

- Die Wirtschaft trägt mit ihrer allzu monokausalen Ausrichtung an berufsrelevanten Kompetenzen dazu bei, wesentliche Aspekte der kindlichen Entwicklung zurückzustellen. Klassische Bildung und Stärkung der Persönlichkeit geraten ins Hintertreffen.

 

Die gesellschaftliche Situation der Eltern hat sich gewandelt. Der individuelle Anspruch ist in den letzten Jahren gewachsen. Die früher Biografie prägenden Traditionen und Lebensmuster sind zerbrochen. Eine Vielfalt von zum Teil konkurrierenden Kulturen bestimmt den Alltag und kann zu Verunsicherungen führen.

 

Mit unserem steten Blick auf die Zukunft der Gesellschaft, mit der ausschließlichen Konzentration auf die angeblichen Schlüsselprobleme von morgen, gefährden wir das Recht des Kindes auf sein Hier und Jetzt und seinen Optimismus. Jedes Kind hat aber ein Recht auf Anerkennung.

 

Öffentliche Leitbilder, die medial ständig präsent sind, führen zu permanentem Erwartungsdruck auf Kinder und Eltern. An die Stelle der Akzeptanz des Einzelnen als Person tritt eine Ideologie der Machbarkeit im Sinne der „neuen“ herzeigbaren Kennzeichen von Bildung wie Prestige, Einkommen und jugendlichem Aussehen. In diesem Netz sind Kinder wie Jugendliche und Eltern verfangen. Auf sie kommt ein hoher Erwartungsdruck zu.

 

Leistungsfähigkeit, Anstrengungsbereitschaft, Tüchtigkeit und Verantwortungsgefühl sind aber die eigentlichen Merkmale von Bildung.

 

In der Folge eines diffusen Verständnisses vom Kind bei den Erwachsenen bestehen große Verunsicherungen im Hinblick auf Erziehungsmaßnahmen. Eltern neigen dazu, sich weniger als Erziehungspersonen, denn als Verhandlungspartner zu verstehen.

 

 

Gleichzeitig stehen die Schulen in einem Entwicklungsprozess, der sie hin zu mehr Eigenständigkeit führt. Dabei gelten die verbindlichen Erziehungsziele des Grundgesetzes. Das bedeutet neue Chancen für deren Ausgestaltung durch die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern. Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass die Rolle der Schüler sich nicht auf Selbstverantwortung beschränkt, sondern Schule weiterhin Erziehung zu leisten hat. Die jeweiligen Verantwortlichkeiten dürfen nicht verwischt werden.

 

Das Mandat der Lehrer umfasst auch und gerade heute erziehenden Unterricht. Neben den kognitiven Lernleistungen muss den sozialen Lernleistungen mehr Raum gegeben werden. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, Schülerinnen und Schüler auf die gesellschaftlichen Zustände ‚zuzuschneiden’ oder ,zuzurichten’.

 

 

III. WIE

 

Eltern und Lehrer müssen sich auf gemeinsame Erziehungsziele verständigen, sonst verkommt Erziehung zu Anpassung oder gar Heuchelei.

Sie müssen sich als Partner in der Erziehung gegenseitig erfahren und anerkennen können. Im Vordergrund muss dabei die gemeinsame Absicht sein, die Persönlichkeit des Kindes beziehungsweise Jugendlichen zu stärken und ihm zugleich Regeln zu geben.

 

Eltern und Schule müssen Vereinbarungen treffen, die über die reine kognitive

Leistung hinausgehen und die Verständigung auf einen Grundkonsens im Umgang miteinander einschließen. Alle Erziehung bedarf der Konsequenz. Eltern können von der Schule erwarten, dass sich Lehrer, Eltern und Schüler auf der Grundlage der Verfassung über Erziehungsziele einigen. Das schafft die für Erziehung nötige Transparenz.

 

Eltern können von den Lehrern und Lehrer können von den Eltern Stärkung erfahren - in der Erziehung des Kindes.

 

Die Lehrer müssen das Erziehungsrecht der Eltern anerkennen so wie Eltern ihrerseits den Auftrag des Lehrers anerkennen. Zugleich müssen die Eltern ihre Erziehungspflicht wahrnehmen so wie ihrerseits die Lehrerinnen und Lehrer der Verpflichtung ihrer Profession - zu lehren und zu erziehen - gerecht werden müssen.

 

 

Die Schule muss erwarten können, dass sich Eltern für die Arbeit ihres Kindes in der Schule interessieren und nicht nur am Ende des Schuljahres auf die Noten sehen. Die Stärkung der Kinder in der Schule muss Begleitung erfahren durch die Anerkennung der Kinder zu Hause. Die Kinder müssen Grundvoraussetzungen für das Leben und Lernen in einer Gruppe von zu Hause mitbringen.

 

 

 

 

Eltern und Lehrer sind Partner in der Erziehung der Kinder und Jugendlichen. Kinder und Jugendliche brauchen Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit.

 

Wir haben keine Zeit mehr zu falsch gemeinter Zurückhaltung bei der Erziehung der Kinder und Jugendlichen.


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